Skip to content

Schreiben und Publizieren in Zeiten künstlicher Intelligenz – lohnt sich das überhaupt noch?

Journalistin, Redakteur, Autorin, Lektor: Zur Zeit meines Studiums gehörten diese Tätigkeiten für uns Studierende der Sprach- und Literaturwissenschaften mit zu den Traumberufen.

Wer einen der raren Plätze an einer der Journalistenschulen, ein Volontariat in einer Redaktion oder einem namhaften Buchverlag ergatterte, war heilfroh und durfte sich auf vielversprechende Berufsjahre freuen.

Und heute? Heute gibt es KI. Zahlreiche meiner ehemaligen Kolleginnen und Kollegen ergeht es ähnlich: Stellen werden gestrichen. Aufträge bleiben aus. Bei manchen scheint es, als sei ihr über Jahrzehnte ausgeübter Beruf über Nacht verschwunden. Und nur wenige der Auftraggeber sind so ehrlich, es auch offen zu sagen: „Wir machen das jetzt mit KI.“

Kein Zweifel: Künstliche Intelligenz kann Texte in kürzester Zeit produzieren. Sie kann in Sekundenschnelle recherchieren, kann Inhalte zusammenfassen, umformulieren, strukturieren, übersetzen. Und das mit jeder Version besser.

Doch meine Erfahrung ist auch: Gerade dort, wo vertrauensvolle Kommunikation wirklich zählt – in der Gesundheitsbranche, in Wissenschaft und Bildung, im seriösen Journalismus –, zeigt sich, was Maschinen noch nicht leisten können: das wirkliche Verstehen.

Die richtigen Fragen stellen

Ein guter Text beginnt nicht mit einer Antwort, sondern mit einer Frage. Klar: Auch eine KI arbeitet mit dem, was man ihr gibt oder sie fragt. Doch anders als menschliche Schreibende hinterfragt sie nicht, ob die Ausgangslage stimmt. Ob die Perspektive die richtige ist oder Entscheidendes fehlt.

Für meine Arbeitsbereiche kann ich sagen: In der Unternehmenskommunikation im Gesundheitswesen entscheidet die richtige Fragestellung mit darüber, ob eine Botschaft ankommt oder verpufft. Geht es darum, eine neue Therapie zu erklären oder darum, Ängste zu nehmen? Will man informieren oder Vertrauen schaffen? Und hat man überhaupt verstanden, worin der Informationsbedarf der Zielgruppe genau besteht? Wer die falschen Fragen stellt, kommuniziert am Bedarf vorbei.

In der Wissenschaftskommunikation sind es häufig noch grundlegendere Anliegen: Forschungsergebnisse sind komplex. Was davon ist für wen relevant? In welcher Form? Die Kunst liegt darin zu erkennen, welcher Aspekt für Lehrkräfte und Studierende, für die interessierte Öffentlichkeit oder für Geldgeber tatsächlich Bedeutung hat.

Im Wirtschafts- und Politikjournalismus trennen die richtigen Fragen den guten vom oberflächlichen – oder schlimmer noch ideologiegetriebenen – Journalismus: Wem nützt ein Gesetzesvorschlag oder ein Unternehmenszusammenschluss? Wer verliert? Was wird nicht gesagt? Algorithmen reproduzieren Informationen. Gute Journalisten ordnen sie ein.

Authentizität als Währung

Vielleicht wird es bald widerlegt sein, aber im Moment glaube ich noch fest daran: Menschen erkennen Beliebigkeit. Sie spüren, wenn ein Text Worte nur aneinanderreiht, ohne dass jemand dahintersteht. Authentizität entsteht durch Haltung, durch Erfahrung, durch ein persönliches Netzwerk und Hintergrundgespräche – vor allem aber auch die Bereitschaft, sich festzulegen.

Eine Krankenkasse, die in ihrer Kommunikation nur Floskeln verwendet, wirkt austauschbar. Eine Universität, deren Pressemitteilungen nach Textbaukasten klingen, verliert auf Dauer an Glaubwürdigkeit. Ein Wirtschafts- oder Politikartikel ohne erkennbare Analyse, ohne originellen Gedanken bewirkt nicht viel.

Hinzu kommt: Authentische Inhalte erfordern Autorschaft. Sie erfordern jemanden, der Verantwortung für sie übernimmt: für die Aussage, ihre Richtigkeit, für die Wortwahl, für das, was weggelassen wird. Nicht eine Maschine, die richtige und falsche Informationen gleichwertig nebeneinanderstellt.

Die Zielgruppe kennen – sie wirklich kennen

Einer der häufigsten Kommunikationsfehler meiner Meinung nach ist die Annahme, alle verstünden dasselbe. Doch der Patient liest anders als die Fachärztin. Eine Professorin anders als ein Erstsemester. Eine Anlegerin anders als ein Wähler.

Zielgruppenkenntnis erfordert Empathie und Erfahrung. Sie erfordert das klare Bewusstsein darüber, welches Vorwissen Menschen mitbringen. Was interessiert sie an dem Inhalt? Welche Sprache spricht sie an, welche stößt ab? Wie viel Zeit haben sie und welche Sorgen treiben sie um?

Im Gesundheitswesen kann ein falsch adressierter Text Ängste schüren, statt aufzuklären. Im Bildungskontext kann er überfordern, langweilen oder die Relevanz von Ergebnissen hinter zu komplizierten Formulierungen verbergen. Und auch im Journalismus kann er verhindern, dass wichtige Inhalte die Öffentlichkeit bekommen, die ihnen gebühren.

Leser profitieren lassen

Der eigentliche Maßstab für gutes Schreiben und Kommunizieren ist für mich immer mehr: Hat der Adressat nach der Lektüre, dem Hören oder Sehen etwas gewonnen? Versteht er mehr? Kann er besser entscheiden? Fühlt er sich ernst genommen?

Dies gelingt durch Klarheit und Relevanz. Es gelingt, wenn Kommunizierende sich sehr genau über ihre Intention im Klaren sind.

KI ist eine umwälzende Technologie, die bleiben wird. Sie kann unterstützen, beschleunigen, Varianten liefern. Doch die Entscheidungen, die gutes Kommunizieren ausmachen – was wichtig ist, was wir weglassen, wie wir es ansprechen – bleiben menschlich. Gerade in einer Zeit, in der Texte beliebig produzierbar sind, steigt der Wert dessen, was nicht beliebig ist: Urteil, Haltung, Lebenserfahrung und echtes Verstehen.

An den Anfang scrollen
Suche